Um die politische Entwicklung Ungarns seit dem Aufstand in Ungarn 1956 ging es bei der Veranstaltung der Senioren-Union am 21.9.2026 in Gasthaus Ritter St. Georg in Erlangen.
Der im April gewählte neue Vorsitzende der Erlanger CSU-Senioren-Union, Bela Bechtold, referierte an diesem Tag unter dem Titel „Aufstand in Ungarn 1956 – wohin steuert Ungarn nach den letzten Wahlen“. „Eine exzellente Geschichtsvorlesung“, „ein brillanter Vortrag“ lauteten die begeisterten Kommentare der Zuhörer am Ende der wegen des allgemeinen Interesses um eine halbe Stunde verlängerten Veranstaltung.
Da Bela Bechtold als gebürtiger Ungar – er war zur Zeit des Ungarnaufstands 10 Jahre alt – die Zeit bewusst wahrgenommen hat, konnte er „aus erster Hand“ berichten.
Er wuchs in Sopron, eine der ältesten Städte Ungarns (ca. 70 km südlich von Wien und 210 km westlich von Budapest) auf. Schon in der Grundschule erhielten die Kinder unter dem Vorwand, dass „der böse Westen ein friedliches sozialistisches Land kaputt machen will“, militärische Schulungen. Diese wurden jedoch 1957 rigoros eingestellt.
Am 23. Oktober 1956 hatte in Budapest ein zunächst friedlicher Protest von Studenten gegen die kommunistische Herrschaft und die sowjetische Einflussnahme begonnen, aus der sich ein bewaffneter Aufstand entwickelte, dem sich Arbeiter und Teile der Armee anschlossen. Am 4. November marschierten sowjetische Truppen ein und schlugen den Aufstand gewaltsam nieder. János Kádár übernahm mit sowjetischer Unterstützung die Macht. Die ersten Jahre waren von Repression und Verfolgung geprägt. Später wurde das System liberaler: Private wirtschaftliche Aktivitäten und ein vergleichsweise hoher Lebensstandard waren möglich.
Diese Phase wurde häufig als „Gulaschkommunismus“ bezeichnet. Mit dem Bericht über weitere Ereignisse schlug Bela Bechtold den Bogen zur der Zeit um 1989 und dem Ende des Kommunismus. Ungarn hatte sich zunehmend vom sowjetischen Einfluss gelöst. Im Mai 1989 wurde der Grenzzaun zu Österreich abgebaut. Im Sommer konnten DDR-Bürger über Ungarn nach Österreich gelangen. Am 23. Oktober 1989, genau 33 Jahre nach Beginn des Aufstands, wurde die Republik Ungarn ausgerufen. Die 1990er Jahre waren geprägt von der Weiterentwicklung der Demokratie und Westorientierung. 1990 fanden die ersten freien Parlamentswahlen seit 1947 statt. Ungarn entwickelte sich zu einer parlamentarischen Demokratie und führte eine Marktwirtschaft ein. Gleichzeitig orientierte sich das Land außenpolitisch immer stärker an Europa und dem Westen. 1999 trat Ungarn der NATO und 2004 der Europäischen Union bei. Seit 2010 wurde Ungarn überwiegend von Viktor Orbán und seiner Partei Fidesz regiert. In dieser Zeit wurden unter anderem Verfassung und Institutionen umgestaltet. Die ungarische Regierung verfolgte eine stärker nationalkonservative Politik und geriet wiederholt in Konflikte mit EU-Institutionen.
Bei der Parlamentswahl am 12. April 2026 verlor Viktor Orbán nach 16 Jahren die Regierungsmacht. Die Tisza-Partei von Péter Magyar gewann 141 von 199 Sitzen; am 9. Mai wurde Magyar zum Ministerpräsidenten vereidigt. Die neue Regierung versucht, Ungarn wieder stärker an die EU anzunähern. Besonders deutlich ist das in der Außenpolitik: Im August erklärte Ungarn Russland zur Bedrohung und verurteilte die russische Aggression gegen die Ukraine – ein deutlicher Kurswechsel gegenüber der Orbán-Regierung. Dennoch ist der Einfluss von der Politik Orbáns nicht verschwunden. Fidesz bleibt mit 52 Sitzen eine große Oppositionspartei, und das politische System, das Orbán in 16 Jahren aufgebaut hat, lässt sich nicht innerhalb weniger Monate vollständig verändern. Die Zweidrittelmehrheit der Tisza-Regierung erleichtert zwar Reformen, gleichzeitig existieren weiterhin viele Gesetze, Institutionen und wirtschaftliche Strukturen aus der Orbán-Zeit. In wie weit diese Phase zu einer dauerhaften Rückkehr zu einer liberaleren parlamentarischen Demokratie führt oder lediglich eine neue Form konservativer Politik hervorbringt, ist derzeit noch nicht abschließend zu beurteilen.
Gäste und Mitglieder der CSU SEN-Union bedankten sich mit intensiven Applaus und Uwe Greisinger als stellvertretender Vorsitzender überreichte als Dank an den Referenten eine Bocksbeutelflasche mit gutem fränkischen Weißwein.
Angelika Wingen-Trennhaus